Resumee 6. Woche – Stephan

Ich sitze im Zug nach Wien. Ostern verbringe ich bei meiner Mutter, die Truppe in Kirchheim und Stuttgart, schlafen, Freunde treffen, Muskeln entspannen, am Montag gibt es einen großen Ostergottesdienst mit einem Priester und einem Chor aus dem Kongo, einem Gospelsinger aus den USA und dem Hope Theatre Nairobi. Für einen Tag wird Neuffen zur internationalem Kultur- und Dialogmetropole.

Gestern hatten wir einen fulminanten Auftritt im Staatstheater Karlsruhe. Die AutorInnen waren ebenso anwesend wie Frau Staatssekretärin Kathrin Schütz und andere namhafte Mitglieder des Wirtschaftsministeriums, Generalintendant Peter Spuhler, Schauspieldirektor Axel Preusz, Kifafa-Obmann Joachim Eiberle und Sabine Wand von der Umwelt- und Energie Agentur Kreis Karlsruhe.

Peter Spuhler und ich kennen uns seit den frühen 80er Jahren aus Wien – er studierte Regie und Dramaturgie, ich Klavier, beide an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst. Er wurde Intendant, ich Regisseur, dass wir seit 2014 jedes Jahr an „seinem“ Staatstheater spielen dürfen ist ein großes Geschenk. Denn da fühlt sich die Truppe ernst genommen und kann unter professionellen Bedingungen seine Produktionen präsentieren. Für uns ist Karlsruhe immer ein Höhepunkt auf der Tour, denn da können wir das Stück immer genau so umsetzen, wie es von den jeweiligen AutorInnen und dem Regieteam geplant wurde – und wir sehen, wo wir künstlerisch stehen. Der Applaus gestern war eine Demonstration des Publikums für die afrikanische Theatergruppe. Das tat sehr gut.

Ein freies Theater in Mainz hatte 2016 am Telefon auf die Frage, ob wir bei Ihnen spielen dürfen, erklärt, dass sie das Projekt zwar grundsätzlich interessant finden, dass sie aber nur mit Profis arbeiten. Sie hatten uns noch nie gesehen, sie gingen einfach grundsätzlich davon aus, dass eine Truppe aus Afrika nur aus Laien bestehen kann. – Das ist der Unterschied. Als ich zwei Stuttgarter Bildungsexpertinnen vor zwei Jahren das Stück über Frauen in Ostafrika, das unsere Mitarbeiterin Judith Kunz mit dem Hope Theatre gerade erarbeitete, vorgestellt hatte war die Antwort: „sehr ambitioniert“. Wäre ich im Auftrag der Schauspielbühnen Stuttgart (für die ich auch arbeite) dort gewesen, wäre die Antwort sicher eine andere geworden. Man traut Menschen aus Afrika grundsätzlich weniger zu. Das ist eine der wesentlichen Erkenntnisse meiner mittlerweile fast 15-jährigen Arbeit in ostafrikanischen Ländern. Man geht (mehrheitlich) immer davon aus, dass wir den anderen etwas beibringen müssen. Der berühmte Begriff des Dialogs auf Augenhöhe steht zwar in allen modernen Lehrbüchern der Entwicklungszusammenarbeit, im Alltag findet er aber oft nur mangelhaft statt.

Das Theater im Bauturm Köln, das wir am Mittwoch trotz Reifenplatzer auf der A3 pünktlich zur Vorstellung erreicht haben und eben das Staatstheater Karlsruhe gehören zu den besonders aufgeschlossenen Partnern, dort wird internationales Theater nicht nur als Nische, sondern als selbstverständliche künstlerische Auseinandersetzung in einer globalen Welt betrachtet. Für Gerhardt Haag, ehemaliger Intendant des Theaters im Bauturm und Gründer von AfriCologne ist Ouagadougou, was für mich Nairobi ist: 2. Heimat. Wenn man in zwei Kontinenten zuhause ist erlebt man eine vollkommen andere Beziehung und versteht, dass man sehr viel erfahren kann. Das Gefühl, mehr zu wissen als die anderen hat nur dann Bestand, wenn man sich der anderen Kultur nicht öffnet und man nicht sehen will, was einem die andere Welt bietet. Das Hope Theatre Nairobi lebt mittlerweile auch in zwei Kulturen. Die Damen und Herren sind glücklich hier, aber sie freuen sich auch jedes Jahr wieder, nach Kenia zurück zu fliegen. Denn bei weitem nicht alles ist hier besser als in ihrer Heimat. Und sie erzählen gerne davon, was man von ihrem Land lernen und wie sehr man vom gemeinsamen Dialog profitieren könnte. Ein Publikum zu haben, das so begeistert zuhört wie das gestrige im Staatstheater bringt Zuversicht und Freude.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s